Letztens in Hamburg.
Geburtstage, die mit Vorglühen irgendwo in einem Hamburger Zuhause beginnen, enden meistens mit üblen Nachwehen irgendwo auf dem Kiez. Vor allem, wenn es dazu Schnittchen gibt. Schnittchen auf dem Teller und auf der Couch.
Denn die Geburtstagsgesellschaft, auf die ich heute Abend treffe, gehört nicht zu meinem allabendlichen Programm. Ich nenne sie liebevoll die Salatmädchen. Eine Gruppe von Mädels, die eigentlich sehr nett sind, die sich aber gerne und oft den Kopf darüber zerbrechen, wie viele Punkte eine Weißweinschorle hat, ob Benedikt endlich bekommt, was er verdient und dabei trotzdem noch immer an Eva denkt, die ihn jetzt ja sowas von nicht mehr braucht, ja nicht mal mehr an ihn denkt und ob der heiße Fitnesstrainer im Meridianspa nun schwul ist oder nicht. Aber für eine gute Freundin, die unaufhaltsam älter wird und sich als Berlinerin vehement gegen Hamburg wehrt, vergesse ich meine niedrige Toleranzgrenze, kaufe eine Flasche Wodka, 2 Flaschen Schweppes Wildberry Russian und mache mich auf den Weg nach Barmbek.
„Dieser Weg wird kein leichter sein“ dröhnt es neben mir aus dem polyphonen Handy eines 16jährigen, der extrem angestrengt darauf bedacht ist, so aus zu sehen, als wäre ihm einfach alles egal. Und ich denke „Ja, du hast recht, wird er nicht“.
Es wird nicht nur kein leichter Weg, es wird ein steiler. Eigentlich war mir das schon klar, als ich die Einladung meiner Freundin mit den Worten “Ich gebe Hamburg noch eine Chance, aber ihr müsst es mir lieben helfen” bekam. Und was wir mit Männern können, das können wir auch mit Städten. Wir trinken uns Hamburg schön.
Es gibt also Light-Schnittchen, Weißweinschorlen mit mehr Wasser, als Wein und Gespräche in denen ich mehr als einmal denke: “Wenn mich doch jetzt jemand sehen könnte!”. Aber mit ein bis fünf gut gekühlten Wodka Cranberry löst sich sogar bei mir irgendwann so sehr die Zunge, dass mir Sätze wie „Ich liebe deinen Strassgürtel!“ so leicht über die Lippen kommen, wie normalerweise nur ein Brownie.
So vergeht ein Vodka nach dem anderen und irgendwann geht es dann auf den Kiez.
Das Ziel ist das Alt Hamburg am Hans-Albers-Platz. So wie das Ding heißt, ist es auch.
Um es schön zu reden, würde ich es eine rustikale Kneipe mit Kultcharakter im Herzen St. Paulis nennen. Will ich aber nicht.
Es ist sehr eng, sehr warm und sehr schlecht gelüftet. Hier trifft man diese Leute, von denen man ab und zu mal hört. Diese Studenten, die mit hochgestelltem Hemdkragen unter dem über die Schulter gelegten Marco Polo Pullover vergessen wie sie heißen, sich gegenseitig Astra über den Kopf schütten und sich zu “Flugzeuge im Bauch” mit Hein-Peter verbrüdern, der schon hier war, als der Kiez noch was für echte Männer war, oder so ähnlich. An der Bar steht Gerd, der mich damit beeindruckt, dass er überhaupt noch stehen kann. Denn er gibt mir auf meine Frage nach einem Vodka Red Bull einen Kurzen und eine Dose Red Bull, bei der die Lasche abgerissen ist.
Ich muss an die frische Luft.
Mann muss nur lange genug draussen warten, dann kommen sie schon, die Salatmädchen. Wir ziehen weiter in Rosi’s Bar. Mittlerweile ist meine Aufnahmefähigkeit beschränkt, meine Hamburg-Hasserin aber weiterhin an meiner Seite. So schlecht kann es also nicht sein, hier bei Rosi, im Hamburger Berg 7. Das gemischte Publikum aus kiffenden Studenten und Stammgästen bewegt sich in einer einheitlichen Masse zu etwas, das mir im Nachhinein wie eine Bucovina-Party vorkommt, vielleicht aber auch alles andere gewesen sein könnte. Das Wichtige dabei – es ist unwichtig. Denn in Rosi’s Bar geht es nicht darum, ob die Leute cool genug, die Musik nicht zu Mainstream, die Drinks genau richtig und die Toiletten sauber sind, sondern viel mehr darum, dass man hier zusammen richtig Spaß hat. Es ist so voll, dass mein Kopf immer wieder mit dem Schirm einer 70er Jahre Lampe kollidiert, aber der Wodka schmeckt noch immer und auch meine Berlinerin lässt sich von der wogende Menge gern ein bisschen ins Stolpern bringen.
Nass geschwitzt, angetrunken und irgendwie glücklich arbeiten wir uns vom Kiez langsam von Bar zu Bar, bis wir merken, dass davon immer weniger aufhaben. Es ist mittlerweile 5 und ich denke, dass ich nicht gedacht hätte, dass Salatmädchen so gut darin sind Zeit vergehen zu lassen ohne, dass es weh tut.
So wie die offenen Kneipen, werden auch wir immer weniger. Ich habe mittlerweile das Gefühl ich habe Zigaretten gegessen. Dagegen hilft frische Luft und mehr Alkohol. Wir gehen zur berühmten Tankstelle auf dem Kiez und kaufen alles, was bunt ist. Wie Teenager stürzen wir uns auf die von Neonlicht strahlenden Regale und freuen uns über glitzernde Flaschen, bei denen nicht wirklich ersichtlich ist, was genau eigentlich drin ist. Aber es ist uns egal.
Stolz tragen wir unsere Sammlung an den Hafen. Etwas erhöht, mit dem Blick auf die Queen Mary, setzen wir uns und halten kurz den Atem an. Das müsste man öfter tun, schießt es mir durch den Kopf. Klar, es gibt dieses Gerede vom Fischmarkt nach einer durchgetanzten Nacht, aber das hier ist was anderes. Wir erwischen genau den Moment, an dem Hamburg das erste Mal an diesem Sonntagmorgen blinzelt, sich streckt und wir sind dabei, wie es ganz langsam erwacht.
Dann treffen wir Pavlev. Pavlev erzählt uns, dass er aus Harburg kommt, dass er hergelaufen ist und auch wieder zurücklaufen will. Dass er Stress mit seiner Freundin hat und, dass sein Bruder auch Stress mit seiner seiner Freundin hat. Mit der eigenen, nicht mit der von Pavlev. Es sei einfach alles nicht so einfach, sagt er als er sich seufzend vor unsere Füße in den Sand fallen lässt. Pavlev redet und redet und ich starre den Hafen mit seinen Lichtern, den Möwen und der aufgehenden Sonne an. Ich will Fischbrötchen. Die Luft ist salzig und es ist ehrlich gesagt saukalt. Mittlerweile sitzen wir seit 4 Stunden hier – es ist 10 Uhr morgens.
Als wir aufstehen merken wir erst, wie kalt, betrunken und fertig wird eigentlich sind. Aber als wir uns angucken merken wir auch, wie glücklich und zufrieden wir sind. Wir laufen noch die paar Meter bis zu mir nach Hause und meine Berlinerin zieht alleine weiter. Aber erst nachdem sie sagt:
“Käthe, vielleicht ist Hamburg doch kein Arschloch. “
für sven und sein Büro am meer.
atmen mit den augen – nordluft. beobachten.leise genießen und festhalten. kaffeeschaum auf der oberlippe. schmunzeln. erzählen vom meer.
blick fern übers wasser, salz riechen, bilder sehen mit dem herzen.
du siehst bildschirm neben scanner neben drucker neben bildschirm.
zwischen zuviel papier, zuviele fotos, zuviele kabel, nur einen stuhl.
büro.
du schmeckst das salz auf der zunge, mehr als den fisch auf dem brötchen.
fragst dich ob schiffe gleichteilig über und unter wasser schwimmen.
meer.
fragst dich, ob du mit einem foto einen moment des lebens stiehlst, oder ihn festhälst. immernoch nur ein stuhl.
büro.
lehnst dich nach vorn gegen den wind, fragst dich wie lange er dich so hält.
salz in den augen.
meer.
ein stuhl besetzt. kabel um die füße, fotos auf den knien.
salz an der scheibe, sonne im nacken.
büro am meer.
für lisa.
Ich stehe ganz weit weg und beobachte sie.
Wie sie so dasteht und laut ist.
Laut mit Farben, mit Gesten.
Laut mit Leben und Gefühl.
Ich könnte ihr stundenlang zuschauen.
Ihr zuhören, ohne sie zu verstehen.
Erstaunt von soviel Größe in sowenig Länge.
Von soviel Idee in soviel Reiz.
Kommt her, guckt und versteht.
Denn gucken darf jeder, anfassen nicht.
für alex.
verliebt in einen drei jahre jüngeren mann.
alex und drei jahre jünger. mein kleiner. als ich fünf war, da konnte ich ihm noch erzählen, was ich wollte und er hats mir geglaubt. jetzt ist er zwei köpfe größer als ich, so sexy wie meine mama und dreimal so stark, wie sie und ich zusammen. mein kleiner. der ist jetzt gar nicht mehr so klein. er ist jetzt lang und groß. er ist ganz anders als ich und trotzdem oder vielleicht deshalb verstehen wir uns so gut. meine freundinnen wollen ihn heiraten, wenn er mal richtig groß ist, also alt. denn er ist drei jahre jünger als ich. drei jahre und trotzdem der wichtigste mann in meinem leben. mein kleiner.
mein kleiner. komm alex, ist ganz warm. komm her ganz warm! und er kommt angelaufen. nackt und süß. denn er vertraut mir, weil ich die große schwester bin. drei jahre älter. und wenn ich was sage, dann muss es ja stimmen. drei jahre mehr erfahrung. drei jahre. heut glaubt er nicht mehr alles. aber wenn ich heute sage: ganz warm. dann ist es auch ganz warm. und wenn er mir sagt, er kann sich keine coolere schwester wünschen, dann glaube ich das. denn es bedeutet viel mehr, wenn er sagt: hey sis. und es bedeutet viel mehr, wenn ich sage: hey kleiner.
hey kleiner heißt, ich werde weinen, wenn du heiratest, denn du wirst unglaublich gut aussehen, neben einer wunderschönen frau. und es heißt: ich werde unglaublich stolz sein, wenn du mich zur tante machst, irgendwann, vielleicht vor mir. obwohl du drei jahre jünger bist. drei jahre mein kleiner. und es heißt, ich weiß, dass du ein großartiger vater sein wirst, denn alle babies lieben dich. so wie ich mein kleiner.
für christel.
Erstens
weißt du wie es ist, wenn du die kontrolle verlierst?
wenn nur deine füße wissen, was sie tun?
wenn sie machen was sie wollen und der rest von dir einfach folgt?
weil er keine wahl hat. auch nicht haben will.
weil es gut ist. willenlos und leicht. ohne denken, einfach machen, einfach sein.
schau genau hin und du lernst es.
Zweitens
und fliegen ist nicht schöner.
sie sind wie schreie, lauthals aus voller kehle.
laut ohne wort, nur durch bewegung.
die welt um sie herum scheint langsamer zu werden.
sie immer schneller und schöner.
die leidenschaft in den augen und der wille eindruck zu hinterlassen.
offene münder, angehaltenen atem, ungläubige augen.
Drittens
“leidenschaft baby, das ist alles weißt du?”
sagt sie und lächelt mich an.
sie ist unbeschreiblich.
sie ist bunt und laut.
und schön und stark.
manche sagen sie ist süß.
ich finde sie eher geil.
sie ist ein kristal, mein kristal.
egal wie schlecht der morgen war.
wenn ich sie sehe geht die sonne auf.
die, die sie kennen, wissen was ich meine.
die anderen tun mir leid.
leidenschaft baby!
aus capetown.
am anderen ende der welt zu hause.
eins
wenn menschen zu freunden werden, deren namen man nicht kennt.
wenn der wind warm ist und die sonne tief steht.
wenn du nicht weißt, wohin du zuerst sehen sollst.
wenn du nicht mehr weg willst.
zwei
wo grau tausend farben hat.
wo ein lächeln ein wort, ein wort ein gefühl ist.
wo faszination dich am atmen hindert.
wo das ferne so nah ist.
drei
wie es ist, wenn man in schatten mehr sieht, als erde auf die keine sonne fällt.
man anfängt zu zittern, aus angst zu langsam für den moment zu sein.
wie es ist, wenn man die welt durch eine linse sieht.
man sein gedächtnis auf papier bannt, zwanghaft.
aus freude an der schönheit der erinnerung.
vier
warm will ichs haben.
nicht denken, nur fühlen.
einfach ich selbst sein.
mit etwas was mich zu dem macht, was ich bin.
ich will tanzen.
ich will kaffee mit schaum und zigaretten.
ich will warme küsse, die echt sind und von dauer.
ich will mich aufs träumen freuen und aufs augen aufmachen.
ich will nicht allein sein.
lieber zu hause.
fünf
du hättest hier sein sollen.
als unsere reifen den staub aufgewirbelt haben.
der alles eingehüllt hat, als wir gingen.
was den abschied leichter machte.
umdrehen und nachtrauern verboten.
der blick geht nach vorn habe ich gelernt.
aber selbst da sehe ich, was hinter uns liegt.
für immer, egal wohin ich gehen und sehen werde.
sechs
erst wenn mich das wasser mit dem sand zwischen den zehen kitzelt.
wenn meine haut harten stein berührt, warm von der sonne.
das salz in meinen haaren klebt und der wind in den augen sticht.
bin ich zu hause – am anderen ende der welt.
schauspielschule berlin.
Erstens
der wunsch nach einem anderen leben.
in jemand anderen hineinzuschlüpfen.
ihm sein leben stehlen. heimlich.
oder mit wut. ganz laut.
frau statt mann sein.
kind statt verantwortungsbewußt.
reich statt arm und blond statt braun.
einen fremden küssen, einen freund anschreien.
kommen und gehen und kommen.
sich ausziehen, wieder man selbst sein.
wieder braun, wieder mann.
nach hause gehen, wo es doch am schönsten ist.
Zweitens
absolute ruhe.
schließ die augen und lass die stimmen sterben.
die deiner freunde und die in deinem kopf.
film ab.
du weißt, dass sie dir deinen mann genommen hat.
sie ihn angefasst hat, wie du es tust.
vielleicht besser.
hat ihn besessen, wenn auch nur kurz.
ihn dir zurückgegeben, benutzt.
hat das zerstört, was dich aufrecht gehen lässt.
und jetzt lass dich nach hinten in ihre arme fallen.
die augen geschlossen.
Drittens
wen ich sehe, wenn ich in den spiegel schaue?
wenn ich in die dunklen augen blicke und versuche in ihnen zu lesen?
ich überlege woher die falten zwischen meinen brauen kommen.
feststelle, dass sie ungleich sind, die augenbrauen.
ich mir über die lippen streife und es kitzelt.
wann spiele ich eine rolle, wann bin ich ich? frage ich mich dann.
streiche mir nochmal über die lippen, als würde das helfen
und schaue mich selbst fragend an.
aber die frau im spiegel schaut ratlos zurück.
Viertens
manchmal wache ich nachts auf und weiß nicht, ob ich wach bin oder es spiele.
schweden.
sie will raus und spaß haben.
es ist samstag und der erste samstag seit wochen, an dem sie auch gehen wird.
das steht fest. sonst geht sie ein. sie muss raus und alles aufsaugen.
menschen, gerüche, bilder, worte und doppelte vodka mit limonen.
gut sieht sie aus, findet sie, ganz anders als die anderen menschen hier in diesem land.
nicht so groß und ganz und gar nicht so blond.
sie findet das gut, denn wer will schon aussehen wie alle? obwohl längere beine… .
neben der sprache in diesem land, nennen wir es schweden, wird sie auch nicht verstehen, warum man vor den clubs in der schlange stehen muss.
es regnet.
hätte sie sich mühe mit ihren haaren gegeben, wäre das jetzt umsonst gewesen.
drinnen ist es stickig und dunkel.
der regen trocknet auf ihrem haar und gesicht und flieht dampfend an die decke, trifft sich mit dem zigarettenrauch.
sie geht tanzen, rauchen, trinken.
menschen, worte, musik einatmen.
als der blonde, große, schöne mann sie um drei uhr morgens fragt, ob sie lust auf eine afterparty hätte, weiß sie bescheid.
in schweden heißt afterparty nichts anstößiges, sondern die party nach der party.
auch etwas, was sie neben der sprache nie verstehen wird.
sie geht mit. mit drei blonden großen männern, in die bahn.
in die falsche, wie sich nach 30 minuten herausstellt und auch in die letzte.
sie sind raus aus der stadt.
ein kleiner bahnhof morgens um mittlerweile 4.
es ist alles grau irgendwie, aber schön. die vögel sind wach, sie eher müde.
der graue bahnhof scheint keinen ausgang zu haben.
also gehen sie, sie und die blonden fremden, in den ubahn tunnel zurück.
scheint ihnen und auch ihr in diesem moment sehr sinnvoll.
auf die dunkelheit und das balancieren auf schienen folgt ein weiterer bahnhof.
weniger grau und unheimlich.
sie klettert über stacheldrahtzäune und hat spaß daran.
rollt sich danach in brennesseln und lacht mit den 3 blonden riesen.
mit dem taxi für viel geld aus dem nirgendwo zurück ins leben.
sie merkt, sie hat keinen schlüssel und kein telefon.
also wartet sie. sie schleicht durch die stadt, als könnte sie jemanden wecken.
denkt über drei blonde freunde für eine nacht nach.
landet auf einem kinderspielplatz und wippt, allein.
und findet diesen samstag abend sehr gelungen.
nur die party nach der party war ein wenig anders, als gedacht.
aber das sind ja meistens die besten.
und natürlich sind nicht alle schweden blond.
freihafen.
Erstens
guten morgen du sünde.
sagt er und streicht mir die haare aus dem gesicht.
ich schaue mir lange an, wie er mich anlächelt.
ich wünsche mir er würde antworten, ohne dass ich frage.
er ist einfach dagewesen, gestern.
ich weiß nichtmal wie er heißt, vielleicht wusste ich es mal.
er lächelt noch immer.
seine augen sind grün, grün-braun.
und im sonnenlicht sieht man seine sommersprossen.
die waren vorher noch nicht da, glaube ich.
ich starre, er wendet sich ab.
ich beobachte, wie er da sitzt mit dem rücken zu mir.
sich die jeans anzieht und ich will ihn festhalten.
will schreien: bleib hier. hier bei mir.
aber ich weiß ja nichtmal seinen namen.
er steht nur da und lächelt noch immer.
seine lippen sind unglaublich.
unglaublich – ich suche nach einem passenden wort.
schön, unglaublich schön und die grübchen, die habe ich schon gestern abend gesehen.
die waren der grund.
ich erinner mich.
auch als er geht lächelt er und wir schliessen zusammen die tür.
ich von innen. er von aussen.
auf wiedersehen du sünde.
hoffentlich.
Zweitens
den ganzen abend saß ich auf dieser couch.
auf dem fleck. rotwein. vor aufregung verschüttet, als es klingelt.
damit du ihn nicht siehst.
stundenlang schraube für schraube in das regal geschraubt, das all deine zeitschriften halten sollte. mit liebe.
die nachttischlampe, die zur bettwäsche passen sollte.
und nie eine glühbirne als freund bekam.
das bett, an dem du dir die zehe gestoßen hast auf dem weg vom lichtschalter zurück.
im dunkeln.
und auch sonst alles was wichtig war liegt jetzt in einem geheimfach.
Drittens
warum guckt er mich nur so lange an?
habe ich etwas im gesicht?
vielleicht zuviel make-up, oder zu wenig?
vielleicht fragt er sich wovon ich rede.
hört er mich überhaupt? was rede ich eigentlich?
warum sagt er bloß nichts? und ich, ich rede und rede.
bin ich uninteressant oder vielleicht zu laut oder nicht lustig?
“du riechst gut” sagt er und guckt weg.
Viertens
“du bist bestimmt süß, wenn du wütend wirst.”
sagt er und grinst.
ich finde das überhaupt nicht lustig.
er sollte mich lieber ernst nehmen, denke ich.
er wird schon noch sehen. ich kann auch ganz anders.
süß ist was anderes.
süß ist, wenn ein baby das erste mal lächelt.
oder wie er gestottert hat beim ersten anruf.
süß ist, wenn meine großeltern sich an den händen halten.
oder wenn ein fremdes kind mich mama nennt.
aber ich, ich bin nicht süß. eher wütend. sage ich.
“sag ich doch” sagt er.
Fünftens
ich halte mich an meiner tasse fest, als könnte sie mich halten.
drehe sie zwischen den händen und starre hinein.
als würde drinstehen, was ich jetzt sagen soll.
schaue nach oben und schnell zurück.
denn der kaffee guckt nicht zurück.
er sagt nicht: ich habe es dir ja gesagt.
oder: hättest du bloß auf mich gehört.
er ist einfach heiß und schwarz und da.
will nichts anderes von mir, als getrunken werden.
Sechstens
haltet die welt an.
alle machen weiter als wäre nichts gewesen.
niemand sieht, dass ich nicht mehr ganz bin.
mindestens die hälfte fehlt.
koffer gepackt, türen geknallt und blicke geworfen, die man nicht vergisst.
im ersten moment fühlen sie sich mitleidig an.
dann eher triumphierend.
zwischendurch auch einfach ehrlich.
dann wieder berechnend.
sogar belächelnd.
die realität verschwimmt und macht platz für den irrsinn in meinem gekränktem kopf.
es fehlt ein stück.
Siebtens
an tagen wie diesem.
denke ich immer nur an dich, immer, durchgehend, anhaltend.
es fällt mir sogar auf, wenn ich nicht an dich gedacht habe.
denke also auch an dich, wenn ich nicht an dich denke, oder so ähnlich.
ich denke daran, wie es wäre, wie es war, wie es werden wird.
was ich machen soll, was richtig ist, was ich will.
nein, was ich will, weiß ich.
was ich habe, ist nur ein teil von dem was ich will.
ich habe angst vor dem wahnsinn, der in unseren begegnungen steckt.
ich habe keine angst davor dich nie wiederzusehen, dich gehen zu lassen.
aber angst davor, dass es so weitergeht.
ich sitze stundenlang am fenster, lasse die gardinen hinter mir herunter, starre auf die straße und beobachte die autos, am liebsten im regen.
wenn man die regentropfen gegen das licht sehen kann.
ich mag das.
und dann denke ich nach.
darüber, was an dir mich so schwach macht.
aber es ist da und unglaublich stark.
du lässt mir in der ubahn oder vor harald schmidt tränen in die augen steigen.
du lässt mein herz schneller und bis zum hals schlagen.
lässt mich im schlaf lächeln und unter der dusche singen.
wenn man mich fragt, was ich gerade tue.
dann ist sicher, ich warte auf eine nachricht von dir.
manchmal wünsche ich mir, es gebe diese neumodische kommunikation nicht.
dann gäbe es auch uns nicht.
wenn es “uns” überhaupt gibt.
bei mir schon und manchmal macht mich das unglaublich glücklich.
aber manchmal, an tagen wie diesem, eher weniger.
dann liegt “uns” ganz schwer im magen und drückt auch irgendwie auf mein herz.
naja, wenn dann die regentropfen an mein fenster wehen und ich hören kann, wie kalt es draussen ist.
der müll aus den mülleimern die straße entlang weht.
dann wird mir ganz kalt und ich denke, ich sollte ins bett gehen, wo es warm ist.
Achtens
du kommst und gehst und kommst und fragst ob das okay sei.
was soll ich sagen? nein?
dann gehst du und kommst nicht zurück.
also lass ich dich kommen und gehen und so weiter.
wie die flut.
ich baue uns sandschlösser.
dann kommst du.
spielst ein wenig mit mir im sand.
gehst, nimmst alles mit.
und alles was mir bleibt sind nasse füße.
Neuntens
seit jahren ist er mir so fremd.
ich versuche ihn immer wieder kennenzulernen.
aber er sträubt sich.
mag mich nicht nah kommen lassen.
mir aber nah sein.
nicht einfach.
aber aufregend.
einen fremden zu lieben.
jeden morgen aufzuwachen und sich zu fragen.
wer so gut riecht.
bei wem es sich so gut anfühlt im arm.
wem die stimme gehört, die flüstert: ich liebe dich.
Zehntens
darf ich vorstellen?
habe ich eine wahl?
jemanden kennenlernen.
lernen jemanden zu kennen.
denkt er das geht so schnell?
darf ich vorstellen?
hast du schon mal etwas in 5 sekunden gelernt?
ich habe eine wahl.
nein danke!
Elftens
sich lieben, so wie man ist.
wie nackte kinder.
wie ein baby seine mutter.
weil es es nicht besser weiß.
es zumindest vorgibt.
Zwölftens
“du hier und nicht in hollywood?” fragt er und ich denke darüber nach, was genau ich damals an ihm so unwiderstehlich fand. ich weiß es nicht. auch nicht wenn ich mich anstrenge. er umarmt mich stürmisch und ich hänge in seinen armen, wie ein nasser sack. der kuss den er mir auf die wange drückt ist nass und viel zu lang. auf meinen lippen fühlte sich das immer besser an, oder nicht? hat er sich so stark verändert? oder bin ich endlich zur besinnung gekommen. schlechter geschmack ist ein unverzeihlicher fehler pflege ich zu sagen. vielleicht sollte ich das nochmal überdenken und mir doch verzeihen.
Dreizehn
von london nach hamburg
wenn du sowas einmal gesehen hast, vergisst du es nicht.
ich steige um halb 9 in den bus. es regnet nicht, es ist aber irgendwie dunkel.
dafür dass schon sommer ist. ich fahre und beobachte die menschen. wie sie einander interessiert angucken. so wie ich. ein kleiner schwarzer junge verschwindet von seinem sitz, während sein vater schläft. eine blonde schöne schläft ein und fällt dabei immer mehr in den schoß ihres nachbarn, der das verständlicherweise nicht so schlimm findet. wir halten, weil menschenmengen die straße füllen. sie wollen in den bus, aber ich verstehe nicht so recht warum. hier fahren doch ungefähr eine million busse gleichzeitig. ich beobachte weiterhin den kleinen, der sich vor seinem vater versteckt. was gar nicht nötig ist, denn er schläft noch immer. kriegt nichts davon mit, dass die menschen sich im und um den bus drängen. ich bin da. ich steige aus. kämpfe mich durch und lasse sie dort hinter mir. laufe an einem flatscreen, wie das hier so schön heißt, vorbei und sehe meinen bus. die hälfte fehlt. menschen schreien, rennen, bluten, schreien. da steht “terroranschlag” und mein gehirn beginnt zu arbeiten.
wenn du sowas einmal gesehen hast, vergisst du es nicht.
hochzeit.
ich habe schon immer geschmunzelt, wenn ich die beiden gesehen habe.
habe den kopf geschüttelt über den weg, den sie gehen.
meine freundin war sie, als wir noch gleich waren.
als ich noch nicht wusste, was da draussen auf mich wartet.
sie wusste sofort, der ist es und ich dachte, wie kann man nur so dumm sein.
ich merkte, da ist mehr. mehr das ich aufsaugen, sehen, anfassen kann.
länder. menschen. gefühle.
ich fand es eng, wo ich bin.
wollte sehen, ob es woanders, besser, heller, schneller, wärmer ist.
sie will heiraten. ein haus bauen.
kinder bekommen.
da wo sie ist.
und ich schüttel den kopf und schmunzel.
das ist 7 jahre her.
nun bin ich in der kirche. sitze weit vorne und schmunzel.
sie sieht neben ihm aus wie ein riesen baiser, er wie eine lakritzstange.
den kopf schüttel ich nicht, denn ich freue mich für sie.
dennoch fühle ich mich, wie in einem schlechten film.
ich beobachte, wie aufgeregt sie sind, beide.
schmunzel, als sie ihn viel zu früh küsst, als gelernt.
höre wie sie sich kennenlernten, was sie aneinander lieben.
er kocht so gern für sie, sagt sie, das sieht man.
sie redet im schlaf, sagt er. ich schmunzel und denke: ich weiß.
und plötzlich verstehe ich, wie man mit so wenig zufrieden sein kann.
modeshooting.
1.
ich nenne es einen kreativen überfall auf die stille.
wundere mich wie gelassen sie die bequemlichkeit überfordern,
unschuldige anschreien mit licht und farben.
2.
faszinierend wie belanglose perfektion gegen unnötige hektik antritt.
dabei völlig ausser konkurrenz, die schönheit der kulisse, leider heimlich.
3.
wichtig ist der mensch, nicht das bild von ihm.
mehr sehen, als den perfekten moment.
davor und dahinter sehen. dran bleiben.
4.
schönheit sollte ungewollt sein.
mindestens so aussehen.
ich will den attraktiven zufall nicht den perfekten plan.
den charmanten unfall mehr als ein gutes ergbnis.
5.
siehst du symmetrische augenbrauen
oder die falten dazwischen die hundert fragen stellen?
weiße zähne in dem perfekten lächeln
oder zynische grübchen, die nach ehrlichkeit schreien?
augen, die die sonne einzigartig reflektieren
oder die unerfüllbare wünsche in ihnen?
surfen.
wenn wir untergehen, lass es uns zusammen tun.
ich küss dich auch unter wasser.
du solltest nicht immer so skeptisch gucken, wenn ich versuche dich zu verstehen,
immerhin muss ich dich mit dem meer teilen.
der sand zwischen den zehen macht wolken in deinem kopf.
wenn du es magst wasser in deinem kopf zu haben.
nichts als salziges wasser.
jedes mal wenn ich aufs wasser schaue, sehe ich dich damit kämpfen.
und ich frage mich, warum du es so sehr liebst.
als ich dich das erste mal traf, dachte ich, ich kenne dich bereits.
aber nun, nachdem du fort bist, weiß ich, dass ich dich nie kennen werde.
lass uns warten bis das salz getrocknet ist.
ich puste, wenn du mich lässt.
über diese frau.
Erstens
ich will mich immer wieder umdrehen und nach dem suchen, was sie sieht.
etwas muss hinten in der ferne sein, wo sie so verträumt hinstarrt.
aber ich beobachte sie schon länger und weiß, dass ich es nicht sehen kann,
was sie sieht. niemand sieht es.
es ist eine eigene welt, mit eigenen geschichten.
die lustig zu sein scheinen, denn sie schmunzelt, dreht sich verspielt ihre haare und beißt in ihren apfel.
fragen macht keinen sinn, man muss es sehen hat sie mir mal gesagt.
und ich sehe es nicht.
aber ich sehe sie, das reicht mir.
ein so zierliches gesicht mit einer eigenen welt, mit eigenen geschichten.
Zweitens
ich hebe den gedanken auf, den sie verloren hat.
ganz behutsam und neugierig.
er ist wie sie, ihr verlorener gedanke.
willenstark und verspielt will er mir aus der hand entrinnen, in seine freiheit.
dennoch wirkt er zerbrechlich in meinem festen griff.
ergibt sich meinen rauhen fingern, die versuchen sanft zu sein.
wie selbstverständlich fühlt er sich an in meiner angespannten hand.
ich öffne sie und lasse ihn los, doch er bleibt.
freiwillig und wie selbstverständlich.
Drittens
irgendwann triffst du jemanden, dem du erlaubst dir in die augen zu starren.
bei dem du magst, wenn er dich auslacht.
dich überlegen anlächelt.
eine augenbraue hochzieht, wenn du redest.
jemand der dich belächelt, charmant aber bestimmt.
jemand der dich nicht nimmt, wie du bist.
der dir sagt, dass es albern ist, wenn du kicherst und der den kopf schüttelt, wenn du deine lieblingsgeschichte erzählst.
jemand der dich an der hand nimmt, um dich von deinem weg abzubringen.
und du wirst ihn lieben, dafür dass du ihn offensichtlich kalt lässt.
dafür, dass er unerreichbar ist und so mutig.
so mutig sich dir in den weg zu stellen.
dir, die doch sonst so mutig ist.
Viertens
lass mich ich sein.
lass mich dir zeigen, was du für mich bist.
lass mir meine freiheit.
lass mich an dich ran.
lass mich gehen.
wenn ich dir auf die füße trete, lass es zu.
Fünftens
sie sind bereit.
sie halten zusammen. egal was kommt.
wir haben keine chance.
sie haben ihre eigene sprache und wir dürfen nicht zuhören.
immer zusammen. niemals allein hat sie gesagt.
sie sind bereit. sie und ihr stolz.
Sechstens
aufwachen, schweißnass.
neben mich greifen, ängstlich.
bestätigende wärme von rechts.
beruhigende, atmende gleichmäßigkeit.
eine hand findet meine.
konzentration auf den bekannten herzschlag.
zusammen atmen und einschlafen. wieder.
beobachtungen.
jeanette.
natürlich ist sie. schön. anzusehen von hier.
gerade jetzt. ganz nah dran. an ihr.
genau hingucken und festbeißen.
nicht denken: schön und weiter.
fühlen: mehr als ein perfektes lächeln.
durch die augen in den kopf, der mehr weiß, als du siehst.
der es interessant und aufregend macht mit dem blick zu folgen.
der dir verschlossen bleibt, was gut ist.
am strand.
anonyme herzlichkeit, wie ein stück schatten in der wüste.
keiner weiß woher er kommt, aber er tut gut.
auf dem deich.
es ist so einfach mit den augen eines anderen zu sehen.
einfach ganz nah dahinter stellen und denselben wind atmen.
stammtisch.
zu wissen, da wo sie jetzt sitzt, habe auch ich schon gesessen.
zwar mit einer anderen, aber darum geht es nicht.
mehr darum, das gefühl zu haben anzukommen.
ein wohnzimmer in dem die menschen ein und aus gehen.
aber es ist deins, es fühlt sich so an und du glaubst ganz fest,
in jeder stadt ein zu hause zu haben, wo der kaffe immer gleich schmeckt.
ddr fernsehstudios.
ich kann mich gar nicht konzentrieren.
die stille lenkt mich ab.
sie ist so. so unnatürlich still.
was ich sehe sagt soviel, aber ich höre es nicht.
weil es so still ist, zu still.
was ich sehe hat nicht den mut gegen das anzutreten was ich höre.
oder nicht höre.
die faszination hat angst vor der stille. schade.
freizeitpark.
das lachen höre ich noch immer.
ich schließe die augen und sehe sie vor mir.
wie sie die arme hoch und den mund aufreissen.
guten morgen.
ich mache die augen auf und würde viel geld dafür bezahlen, dass das ein traum ist.
das piepen in meinem ohr die türklingel, und ein unglaublich schöner mann daran schuld.
aber nein, es ist 7 und zeit dem tag entgegenzutreten.
würdevoll ist das leider nicht möglich.
ich sehe aus, wie ich mich fühle.
und das ist nichts gutes. glaube ich zumindest.
denn sehen kann und will ich mich auch nicht. noch nicht.
in einer stunde vielleicht. da bin ich stark genug für den spiegel, meinen ärgsten feind, morgens um 7.
wenn wenigstens alles andere stehen bleiben und warten würde.
bis ich, die ja schließlich gerade noch ganz woanders war, fertig ist für all das da draussen.
für menschen die unbegreiflicherweise schon jetzt lachen.
für kaffee der zu heiß ist und zeitungen, die nass sind.
es regnet.
was es noch unverständlichher macht, dass da draussen gelacht wird.
guten morgen.
vorsicht zerbrechlich!
eins
so unschuldig kann man gar nicht gucken, habe ich immer gedacht.
aber jetzt sitzt sie vor mir.
spielt mit ihren fingern und ist verunsichert von dem metallischen auge zwischen uns.
stell dir vor es ist gar nicht da, sage ich.
aber natürlich ist es da. das weiß ich, das weiß sie.
zwei
nur geübte augen sehen sie.
denn sie ist etwas was man sich verdienen muss.
bist du zu laut oder zu schnell, ist sie verschwunden.
taucht erst wieder auf, wenn sie merkt, dass du es ernst meinst.
keine spiele, keine versprechungen.
die pure wahrheit ist gerade gut genug.
sag was du willst und sie nickt oder schüttelt den kopf.
ein bild? nur eins bitte?!



